Cisco bringt KI in die Cyberabwehr
Ein Interview über KI, Risiken und die Zukunft der Cybersecurity
Project Glasswing zeigt, wie sich Cybersicherheit im Zeitalter von Frontier AI verändert. Im Interview spricht Cisco darüber, welche Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit mit führenden KI-Modellen gewonnen wurden, warum klassische Schwachstellenbewertungen an ihre Grenzen stoßen und weshalb Identitäten, Automatisierung und kontinuierliche Verteidigung künftig eine zentrale Rolle spielen. Außerdem erklärt Cisco, welche konkreten Maßnahmen Unternehmen jetzt setzen sollten und weshalb Partner wie NTS entscheidend sind, um neue Sicherheitsstrategien erfolgreich in die Praxis zu bringen.
Die größte Überraschung aus Project Glasswing
Was hat euch beim Einsatz von Frontier-Modellen gegen die eigenen Produkte am meisten überrascht? Nicht die Anzahl der Funde, sondern die Art der Erkenntnis? Zum Beispiel: Hat das Modell Schwachstellen zu Angriffsketten verknüpft, die einzeln betrachtet jede für sich einen niedrigen CVE-Score gehabt hätten und daher nie priorisiert worden wären?
Die Überraschung lag in der “kognitiven” Leistung der Modelle. Während herkömmliche Scanner isolierte Schwachstellen finden, verstehen Frontier-Modelle den Kontext. Sie können erkennen, dass eine unsichere Konfiguration in Kombination mit einer leicht veralteten Bibliothek und fehlender Segmentierung einen Pfad zu einem kritischen Server öffnet. Die Erkenntnis war: Die Summe der Teile ist gefährlicher als das einzelne Teil.
Frontier-AI-Zusammenarbeit konkret
Was genau macht ihr heute anders in eurer Produktentwicklung, seit ihr Zugang zu Frontier-Modellen habt? Ein konkretes Beispiel aus den letzten Wochen wäre ideal.
Wir haben das “Shift-Left”-Prinzip radikalisiert. Durch Project CodeGuard werden KI-Agenten, die bei der Softwareentwicklung helfen, so trainiert, dass sie “Secure-by-Default”-Regeln anwenden. Das bedeutet, wir versuchen, die Entstehung von Sicherheitslücken bereits in der IDE (Integrated Development Environment) zu verhindern, anstatt nur nach der Kompilierung zu scannen.
Volumen versus Wert
Beide Vendoren betonen inzwischen explizit, dass rohe Fundzahlen wenig aussagen und Cisco spricht von “actionable precision at scale, not the count of vulnerabilities alone”, Palo Alto Networks misst Erfolg an Exploitability und Business-Impact statt CVE-Anzahl. Woran genau erkennt ein Kunde, ob ein Scan-Ergebnis wirklich handlungsrelevant ist?
Cisco hat sich von der bloßen CVE-Zählung verabschiedet. Ein CVE-Score sagt wenig über die reale Welt aus. Wir nutzen nun Cisco IQ, um zu sehen, ob eine verwundbare Funktion auf einem Gerät überhaupt erreichbar ist. Wenn ein Gerät nicht mit dem Internet verbunden ist oder die betroffene Funktion deaktiviert ist, sinkt die Priorität. Das spart Ressourcen und schont die Teams vor “Alert Fatigue”.
“Patching muss so langweilig wie möglich werden.”
Die 3 konkreten Dinge
Wenn ein IT-Verantwortlicher bei einem Kunden nur drei Dinge in den nächsten 90 Tagen tun könnte, um besser auf KI-beschleunigte Angriffe vorbereitet zu sein, welche drei würdet ihr empfehlen?
Die 3 konkreten Dinge (90-Tage-Plan):
- Inventarisierung: Ohne eine “Single Source of Truth” über alle Assets (inkl. Schatten-IT) ist Verteidigung unmöglich.
- Segmentierung: Wenn man nicht alles sofort patchen kann, muss man die Angriffsfläche durch Segmentierung (East-West-Traffic-Kontrolle) so weit eingrenzen, dass ein Angreifer im Falle eines Footholds nicht weiterkommt.
- Routine: Patching muss so “langweilig” wie möglich werden. Durch die 7-Tage-Vorankündigung von Cisco können Kunden ihre Wartungsfenster präzise planen.
Identity als neue Frontlinie
Beide Vendoren investieren aktuell massiv in Identity Security für Menschen, Maschinen und AI-Agenten (Cisco/WideField, Palo Alto Networks/CyberArk). Warum ist ausgerechnet Identity gerade jetzt der Hebel und nicht klassisches Patching?
Warum Identity? Weil Angreifer heute als “living-off-the-land” agieren. Sie nutzen keine Malware, sondern legitime Anmeldedaten. Wenn ein Angreifer erst einmal drin ist, bewegt er sich mit validen Rechten. Die Absicherung von Identitäten, insbesondere von nicht-menschlichen Identitäten wie Service-Accounts und KI-Agenten, ist der einzige Weg, diese Bewegung zu unterbinden.
KI als zweischneidiges Schwert
Angreifer nutzen dieselbe Technologie. Was ist aus eurer Sicht der größte Irrtum, dem Kunden aktuell zum Thema “KI-Bedrohung” unterliegen?
Die Bedrohungen sind altbekannt (Phishing, SQL-Injection, Credential Stuffing), aber die Geschwindigkeit und die Qualität der Ausführung haben sich durch KI um den Faktor 100 gesteigert. Wir brauchen keine wirklich neue Verteidigung, sondern eine schnellere und automatisiertere Version unserer bestehenden Verteidigung. “You can’t outpace AI-era threats using legacy processes or legacy technology. What’s needed is a continuous operating rhythm […] patching becomes an ongoing rhythm instead of a fire drill.”
Neue Dimension, neues Zeitfenster
Die Herausforderungen für Kunden haben eine neue Dimension erreicht. Die eigene Angriffsfläche kennen und verteidigen, Patches zeitnah einspielen, sich für den Ernstfall absichern (Incident Response/SOC). Das Ganze in einem noch nie dagewesenen kleinen Zeitfenster. Welche Rolle spielen Systemintegratoren wie NTS dabei, dass diese Entwicklungen bei gemeinsamen Kunden tatsächlich rechtzeitig und richtig ankommen?
Die Komplexität der Cisco-Architektur (Cloud Control, Splunk, ISE, Firewalls…) erfordert Experten, die diese Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenfügen. NTS würde hier als “Operational Partner” fungieren, der sicherstellt, dass die von Cisco gelieferten Daten (aus Cisco IQ) auch tatsächlich in automatisierte Workflows (SOAR) übersetzt werden, damit der Kunde nicht nur Daten sieht, sondern auch handelt. Partner wie NTS werden motiviert, wiederkehrende Services rund um Assessment, Härtung und Validierung aufzubauen (unter Nutzung der Foundry Security Spec als Basis). Wie Cisco es schön formuliert hat: “A partner bridges the gap between identifying a risk and neutralizing it.” NTS übernimmt die Rolle des “Unified Defenders”, der nicht nur Hardware liefert, sondern die Sicherheitsrichtlinien über die gesamte Multivendor-Umgebung hinweg konsistent anwendet und die “Assess, Act, Optimize”-Workflows des Kunden steuert.
Ausblick
Was erwartet ihr bis Jahresende? Wird sich die Lage entspannen oder weiter zuspitzen und was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit NTS als Partner?
Nein, es wird eher intensiver. Wir bewegen uns in eine Ära der “kontinuierlichen Verteidigung”. Die Zusammenarbeit mit Partnern wie NTS wird sich dahin entwickeln, dass sie nicht mehr nur Hardware liefern, sondern als “Managed Security Service”-Partner agieren, die den Betrieb der Sicherheitsinfrastruktur übernehmen, damit der Kunde sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren kann.
“Wir bewegen uns in eine Ära der “kontinuierlichen Verteidigung.”
“8 Years of Security Research in 8 Weeks”
Was bedeutet dieser Satz konkret und welche Aktivitäten hat Cisco im Rahmen von Project Glasswing tatsächlich gesetzt (Umfang, Vorgehen, eingesetzte Modelle), und was sind die konkreten Outputs daraus?
Dies war ein massiver Kraftakt. Wir haben nicht nur Code gescannt, sondern die Modelle darauf trainiert, unsere spezifischen Cisco-Frameworks zu verstehen. Durch das parallele Laufenlassen der Modelle konnten wir die Zeitspanne, die ein menschliches Team für die manuelle Analyse benötigt hätte, drastisch verkürzen. Das Ergebnis ist ein “Foundry Security Spec”, das wir als Blueprint für die gesamte Branche veröffentlicht haben.
Von den Ergebnissen zur Priorisierung
Was leitet Cisco aus diesen Ergebnissen ab, welche Themen werden dadurch priorisiert? Live Protect ist ein Beispiel dafür. Ganz generell: Welche Auswirkungen haben die Erkenntnisse aus Project Glasswing auf eure kurzfristige Produkt-Roadmap?
Die Roadmap ist jetzt “risikobasiert”. Wir investieren massiv in die Automatisierung der Validierung. Wenn wir eine Schwachstelle finden, muss das System automatisch prüfen, ob die Schutzmechanismen (wie Firewalls oder Segmentierung) bereits greifen. Wenn nicht, wird das automatisch priorisiert.
Live Protect als Brücke statt Patch
Ihr sagt explizit “Live Protect is not a patch”, sondern ein temporäres, gezieltes Schild direkt im NX-OS-Kernel. Wie verändert das die Erwartungshaltung von Kunden an Patch-Zyklen? Ersetzt das eine schnelle Patch-Kadenz, oder verschärft es eher die Notwendigkeit, langfristig trotzdem zu patchen?
Live Protect ist eine „kompensierende Sicherheitsmaßnahme“ (compensating control). In der Welt der Cybersicherheit ist dies ein entscheidender Unterschied zum klassischen Software-Patch. Während ein Patch den fehlerhaften Code im Programm dauerhaft entfernt oder korrigiert, legt Live Protect einen gezielten Schutzschild direkt in den Kernel (z. B. bei NX-OS auf Nexus 9000 Switches).
Warum ist es eine „Brücke“ und kein Ersatz?
- Überbrückung der „Exploit-Lücke“: Das Zeitfenster zwischen der Entdeckung einer Schwachstelle und deren Ausnutzung durch KI-gestützte Angreifer ist auf wenige Stunden geschrumpft. Ein klassischer Patch-Zyklus (Testen, Validieren, Deployment) dauert jedoch oft Tage oder Wochen. Live Protect schließt diese Lücke sofort, ohne dass ein Neustart oder eine Unterbrechung des Dienstes erforderlich ist.
- Keine dauerhafte Lösung (Time-bound Mitigation): Cisco stellt explizit klar: „Live Protect is not a patch.“ Es ist eine zeitlich begrenzte Maßnahme. Sobald der offizielle, dauerhafte Patch für die Schwachstelle eingespielt und verifiziert wurde, wird der Schild automatisch entfernt. Das Belassen des Schildes ohne Patch würde „technische Schulden“ aufbauen und das System anfällig für Konfigurationsdrift machen.
- Vermeidung von „Fire Drills“: Durch Live Protect wird der Druck von den IT-Teams genommen, bei jeder neuen Sicherheitsmeldung sofort in den Notfallmodus (Fire Drill) zu schalten. Kunden können die Schwachstelle sofort neutralisieren und den eigentlichen Patch-Vorgang in den regulären, geplanten Wartungszyklus (z. B. den 1. oder 3. Mittwoch im Monat) integrieren.
Der strategische Wandel in der Patch-Kultur
Durch Live Protect ändert sich die Erwartungshaltung an die Patch-Kadenz fundamental:
- Von reaktiv zu kontrolliert: Kunden müssen nicht mehr bei jeder Meldung alles stehen und liegen lassen. Die Sicherheit ist durch den Schild gewährleistet, während der Patch-Prozess stabil und sicher abläuft.
- Automatisierter Lebenszyklus: Die Unterlagen beschreiben einen Prozess, in dem der Schild verwaltet wird: „monitor, enforce, disable, and retire“. Das bedeutet, Cisco liefert nicht nur den Schutz, sondern hilft dabei, diesen auch wieder zu entfernen, sobald er nicht mehr benötigt wird.
- Ausweitung der Architektur: Während Live Protect heute auf Nexus 9000 (NX-OS) verfügbar ist, ist der Plan für 2027, diese Technologie auf Catalyst-Switches, Identity Services Engine (ISE) und Secure Firewalls auszuweiten. Dies macht es zu einem zentralen Bestandteil der „Resilient Infrastructure Services“.
Live Protect ist das Werkzeug, um die „Machine Speed“ der Angreifer mit der Stabilität der Unternehmens-IT zu versöhnen. Es ist der „Sicherheitsgurt“, der Sie schützt, während Sie das Fahrzeug (die Infrastruktur) in der Werkstatt (beim Patching) warten. Es ist jedoch kein Ersatz für die Wartung selbst.
“Cisco liefert nicht nur den Schutz, sondern hilft dabei, diesen auch wieder zu entfernen, sobald er nicht mehr benötigt wird.”
Zwei Frontier-Partner gleichzeitig (Glasswing + Daybreak)
Warum arbeitet Cisco sowohl mit Anthropic als auch mit OpenAI zusammen? Was liefert der eine, das der andere nicht liefert? Sollten Kunden daraus ableiten, dass ein Multi-Modell-Ansatz auch für sie selbst sinnvoll ist?
Jedes KI-Modell hat “blinde Flecken”. Anthropic (Mythos) und OpenAI (GPT-5.5-Cyber) haben unterschiedliche Trainingsdaten und logische Schwerpunkte. Durch die Nutzung beider Modelle erreichen wir eine höhere Abdeckung. Für Kunden bedeutet das: Verlassen Sie sich bei der Absicherung Ihrer Infrastruktur nicht auf eine einzige KI-Quelle, sondern auf ein Ökosystem, das verschiedene Ansätze validiert.
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