Wir freuen uns sehr, dass wir Herrn Dr. Missbach bei unserem  7 IT Forum  in Igls als Redner und Gast zum Thema Industrie 4.0 begrüßen durften.

Dr. Michael Missbach ist bekannt durch viele Bücher über SAP Infrastrukturen und die Cloud. Herr Missbach arbeitet seit diesem Jahr bei Freudenberg-IT, wo er sich neben HANA auch um Themen wie Industrie 4.0 und Big Data kümmert.

Aufgrund seines interessanten Vortrages am Forum mit dem Titel „Internet of Things für die produzierende Industrie? – Praktische Beispiele und Problemlösungen“ freuen wir uns als Nachschlag über ein spannendes Interview zum Thema Industrie 4.0 und eine durchaus kritische Sichtweise.

Was ist das Spannende am Thema Industrie 4.0?

Dr. Missbach:

Das Paradoxe an der aktuellen Situation ist die Tatsache, dass in vielen Medien ständig Artikel erscheinen, in denen zumindest der Untergang bestimmter Industriezweige, wenn nicht gar des Abendlandes prophezeit wird, wenn nicht alle so schnell wie möglich alles Mögliche digitalisieren. Dabei wird postuliert, dass man einfach nur riesige Datenmengen anhäufen muss, um dann auf wundersame Weise zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

In der Realität muss man aber entsprechende Projekte gerade im Mittelstand mit der Lupe suchen, obwohl dieser aufgrund des geballten, technischen Sachverstandes eigentlich für so etwas prädestiniert wäre.

Für mich als gelernten Maschinenbauingenieur ist es interessant zu beobachten, dass in allen Artikeln so getan wird, als ob es bis vor kurzem weder Sensoren, noch die Nutzung der gemessenen Werte für die Optimierung von Anlagen und Prozessen gegeben hätte. Dabei hat ja schon James Watt mit dem von ihm 1788 erfundenen Fliehkraftregler sowohl einen präzisen Sensor für die Drehzahl und auch noch gleich eine robuste und vollautomatische Regelung in seine Maschinen eingebaut. Unter diesem Aspekt verwundert es dann nicht mehr, wenn der Mittelstand sowohl den Weltuntergangszenarien, als auch den Heilsversprechungen der IT skeptisch gegenüber stehen.

Was ist denn nun eigentlich neu bei Industrie 4.0?

Dr. Missbach:

Weitgehend unbemerkt haben sich in den letzten Jahren aber tatsächlich einige Dinge grundsätzlich geändert. Durch Mobiltelefone werden hochwertige Sensortechnologien und weltweite Connectivity zu relativ niedrigen Preisen verfügbar gemacht. In jedem Smartphone stecken heute mehr Sensoren als früher in einer ganzen Maschinenanlage. Freudenberg Dichtungstechnik hat zum Beispiel einen „Simmering“ entwickelt, der es durch ein auf der Gummilippe aufgeprägtem helixförmigen Magnetfeld ermöglicht, die genaue Stellung der Kurbelwelle zu ermitteln. Hinzu kommen ganz neue Datenquelle, wie zum Beispiel die Auswertung von Produktbewertungen von Kunden auf den Seiten von Internethändlern.

Selbst alte Maschinenanlagen mit „mechanischen“ Anzeigen, wie zum Beispiel der Wasserstand in einem Dampfkessel, lassen sich preiswert und ohne Eingriff in die Maschine „digitalisieren“, indem man eine Webcam vor die Anzeige stellt und Webservice von FIT nutzt, der aus dem Videostream den gewünschten Messwert „herausliest“.

Gibt es bereits erprobte Anwendungsbeispiele?

Dr. Missbach:

Wenn man genau hinschaut schon – nur sind diese meist nicht so spektakulär, wie eine mit Steuergeldern gesponserte Smart City. Und meist entdeckt man sie an unerwarteten Orten.

Ein wunderbares Beispiel einer Anwendung an die vorher keiner gedacht hatte, ist die Sonolyzer-App von KSB. Diese „hört“, ob eine Pumpe mit Drehstrom-Asynchronmotor im optimalen Lastbereich läuft. Alles was man tun muss, ist sein Smartphone mit der aktivierten App an den Lüfter zu halten.

Ein weiteres Beispiel ist ein Tagebaubetrieb der den Drehmomentverlauf an den Hinterachsen ihrer Schwerlastwagen per WLAN real-time auswertet. Je ungleichmäßiger der Drehmomentverlauf, desto eher hat sich die Schotterstraße in eine Wellblechpiste verwandelt. Durch rechtzeitiges Planieren ergeben sich nicht nur signifikante Einsparungen beim Betriebsstoff, sondern auch eine höhere Lebensdauer von Reifen, Kardanwelle, Getriebe und Motor, sowie ein höheres Fördervolumen durch die höhere Fahrgeschwindigkeit

Was hat Industrie 4.0 mit Big Data zu tun?

Dr. Missbach:

Auch hier braucht es den differenzierten Blick des Praktikers. Nicht jeder Mittelständler betreibt einen Hadronenbeschleuniger und erzeugt damit Petabyte an Daten.

Für eine Auswertung der oben erwähnten Produktbewertungen von Kunden im Internet müssen zum Beispiel überhaupt keine Daten im eigenen System abgelegt werden, weil diese ja schon vom Internethändler gespeichert werden.

Und selbst wenn an einer Fertigungsstraße für Medikamentenfläschchen, die pro Sekunde ein Fläschchen ausspuckt, pro Sekunde 150 Messpunkte abgespeichert werden, ergeben sich bei 1.5 bis 2KB pro Datensatz, auch bei 24 Stundenbetrieb, nur ein Datenvolumen von 52 GB pro Jahr.

Selbst bei einer Analyse von Bahngleisen unter dem fahrenden Zuge mit 35.000 Datensätzen pro Stunde, passen die Messungen von über 100 Tagen auf eine MicroSD Karte mit 16GB. Freudenberg-IT bietet daher als Service Provider die Nutzung seiner Big Data Plattform mittelstandsgerecht in kleinen „Scheiben“ ab 1TB an.

Aber anders als die Presseartikel glauben machen wollen, geht es bei Big Data ja auch gar nicht darum den „Heuhaufen“ größer zu machen, in der Hoffnung darin einfacher Nadeln zu finden. Hier geht es vielmehr um die geeigneten Analysewerkzeuge und die Fachleute, die damit umgehen können. Daher ist bei Industrie 4.0 und Big Data derjenige im Vorteil, der während seines Studiums in der Statistikvorlesung aufgepasst hat und die Bedeutung von Gaußscher Glockenkurve und Korrelationskoeffizienten kennt.

Wir danken für das Gespräch!

Gerne stellen wir Ihnen die den Vortrag von Herrn Dr. Missbach zum Download zur Verfügung.

PDF vom Vortrag hier downloaden (2,8 MB)